Wochenende in Beirut

Drei Wochen arabisch face-to-face Intensivkurs sind vorbei und ich muss umbedingt wieder auf die Strasse. Wind in den Haaren und einen drehenden Kilometerzähler. In einer Stunde ist man von Damaskus an der libanesischen Grenze, weitere zwei Stunden und man steht in Beirut am Meer.
Syrien und Libanon – Damaskus und Beirut, die Unterschiede sind markant. Syrien ein Land mit Steppe und Wüste, Euphrat und Tigris sowie einer Vielzahl von alten Ausgrabungsstätten. Libanon eines der wenigen Länder, wo man am Morgen Ski fährt und am Nachmittag im Meer schwimmt. Damaskus mit der mauerumrahmten alt arabischen Altstadt, den orientalischen Souqs und den römischen Badehäusern. Beirut ehemaliger Schauplatz des Bürgerkrieges und Partyhauptstadt des Nahen Ostens.
Im Gegensatz zu Syrien bekommt man für den Libanon das Visum direkt an der Grenze, wo ich geschickt über den Diplomatenschalter meine Stempfel geholt habe.

Die Anfahrt auf Beirut zieht sich durch die verlassenen Dörfer des libanesischen Hinterlandes. Viele Familien haben die vom Krieg gezeichnete Gegend für immer verlassen. Zurück geblieben sind die Armen, ignoriert von der Regierung unfähig den Wiederaufbau der Region zu organisieren. Die Strasse ist modern und verbindet mehrspurig die zwei Hauptstädte Beirut und Damaskus. Einmal ist man gezwungen ein breites Tal hinunter auf der anderen Seite wieder hinauf zu steuern. Darüber die zerstörte Brücke in Rekonstruktion. Durch abwechselnd muslimische und christliche Dörfer fährt man die letzte Hügelkette nach Beirut runter. Endstation des Servicetaxis, welches immer vier Personen zusammen mitnimmt, ist das Charles Helous Terminal direkt am Mittelmeer. Feuchtigkeit und Hitze schlug mir ins Gesicht als ich ausgestiegen bin. Bereits während der ersten Fahrt ins Zentrum wurde mir bewusst wie jung die Narben des Bürgerkrieges und wie neu und sensibel der Friede hier noch ist. Eines der weltweit ehrgeizigsten und avanciertesten Restaurierungsprojekte hebt neben den grauen zerbombten Ruinen modern designte Hochhäuser in die Luft. Das in der ersten Etappe neu gebaute Stadtzentrum mutet mit breiten autofreien Pflastersteingassen, Strassencafes auf der Promenade, einem kubischen Rolex Glockenturm, den aneinander gereihten Flagshipstores, einer wunderschönen Sandstein Moschee und der St. Georgs Kirche wie eine orientalische Mischung aus Paris und Rom an. Die einmalige Chance eine Weltstadt von Grund auf neu zu schöpfen hat viele Architekten fasziniert und angezogen. Deren gekonnt vereinten Handschriften verbinden nun die zerbombten Ruinen, moderne Hochhäuser, farbige Kolonialhäuser, die glamouröse Innenstadt mit den normalen braunen Wohnungsblocks der Stadt. Viele Ecken sind mit Militär oder privaten Sicherheitsdiensten besetzt. Fotos von der Vergangenheit werden nicht toleriert. Beirut will vorwärts gehen, was man an den freundlichen, sehr offenen und nie diskussionsmüden Einwohner anmerkt. Schwarz verschleierte Frauen sieht man im Gegensatz zu Damaskus kaum. Ein teuer besticktes Kopftuch wird mit einer taillierten Seven Jeans und einem hautengen Top getragen. Die meisten Frauen tragen jedoch das Haar offen und sind hip gekleidet. Das Nachtleben kann locker mit Zürich oder Ibiza verglichen werden. Mit Beats aus den Escalades und Suburbans zieht Jungbeirut bis zum Morgengrauen von Club zu Club durch die Stadt. Dieser Partystimmung wollte auch ich mich nicht entziehen.

Extrem beeindruckt hat mich am nächsten Morgen das libanesische Nationalmuseum. Französische Mandatszeit mit dem Jetset Tourismus der 70er Jahre, der Widerstand gegen Syrien und Ägypten mit deren Idee vom sozialistische Grossarabien und dem folgenden Hilferuf nach Amerika, der Konflikt mit Israel und den palästinänsischen Flüchtlingen, welcher schliesslich zum Bürgerkrieg geführt hatte, wurde alles sehr detailliert und kritisch aufgearbeitet. Am Mittag war ich auf dem Campus der American University of Beirut, welcher zu den schönsten der Welt gehört und sich den Hügel der Stadt runter bis zum Meer erstreckt. Oben sind die Hauptgebäude mit Verwaltung und den verschiedenen Instituten platziert. Einige wurden während dem Krieg durch Bombenanschläge, welche auch den damaligen Dekan der Universität töteten, komplett zerstört und als Teil des städtischen Restaurierungsprozesses neu gebaut. Über gewundene kleine Treppen stieg ich den bewaldeten Hang runter zu den Tennisplätzen und dem mit einer Schwedenbahn umrundeten Fussballfeld mit Meerblick. Während dem Semester verkehrt auf dem Campus ein eigener Bus. Unter der Strasse führt vom Fussballfeld ein Tunnel zum Strandclub der Uni. Von dort schlenderte ich auf der „Corniche“ dem Meer entlang zu den grossen Felsen, wo ich den späten Nachmittag mit einer Wasserpfeife verbrachte, um dann beeindruckt vom Vibe meiner neuen Lieblingsstadt mit dem Servicetaxi wieder nach Damaskus zurückzukehren.

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~ von toebbi am August 17, 2008.

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