Ausflug nach Quneitra

Damit ich heute nach Quneitera fahren konnte, musste ich gestern dreimal das Ministry of the Interior besuchen. Ich brauche einen Zutrittsschein. Das erste Mal kam ich ungelegen zur Teepause, l’autre fois el doctuer était occupé bis es beim dritten Anlauf schliesslich klappte. Glücklicherweise befindet sich das mit T-Shirtmaschienengewehr- und Anzuggeheimdiensttypen gesicherte Gebäude gleich um die Ecke bei meiner Schule. Die Stadt Quneitera liegt auf den Golan Höhen und ist Inbegriff dessen, was wir eine Geisterstadt nennen. Die ursprünglich syrischen Golan Höhen wurden im 6-Tage Krieg 1967 von Israel annektiert. Eine Ballung ägyptischer Truppen und Übergriffe von syrischen Rebellen auf israelisches Gebiet werden als Auslöser dieses Krieges genannt. Syrien schickte 1973 in einem Überraschungsangriff 850 Panzer los um den Waffenstillstand zu beenden und die Golan Höhen zurück zu erobern. Die herbe Niederlage sollte das Land in eine andauernde Phase der Depression stürzen. Nur drei Tage nach dem ersten syrischen Kanonenschuss bombardierten israelische Flugzeuge Damaskus. Teil der israelischen Gegenattacke war die Zerstörung der wichtigsten syrischen Kommandostellen auf den Golan Höhen. Dazu gehörte auch die Stadt, von welcher ich schreibe.

Quneitra steht heute wieder unter syrischer Flagge und gehört zur UNO patroullierten und entmilitarisierten Sicherheitszone zwischen Syrien und Israel. Österreich hat ein Camp hier und ich habe japanische Blauhelme und indische Blauturbane gesehen. Nach einer Stunde Fahrt von Damaskus erreiche ich den ersten UN-Checkpoint, wo meine Papiere geprüft werden. Beim letzten der drei Checkpoints wurde mir Pass und Zutrittsschein abgenommen und ich durfte mit einem syrischen Intelligence Officer das Gebiet der Stadt betreten. Auf arabisch und wilden Gesten macht er mir verständlich, dass er weiss wo sich die Tretmienen befinden und mich sicher durch die Stadt lotsen wird. In seinem weissen Toyota Jeep fahren wir über die ruinengesäumte Hauptstrasse zum Spital. Auf den Ruinen turnen mit Kufiyas vermummte und mit Spraydosen bewaffnete Jugendliche herum. Als ich ihre skeptischen Blicke erwiderte, scherzte mein Offizier sichtlich gut gelaunt „Fatah“. Keine Geisterstadt also, sondern ein Guerillaspielplatz. Dreissig Jahre kein Schuss aber die Graffitis zeigen, dass der Hass weiter gegeben und wieder geboren wird.

Warum er mir den Spital als erstes zeigen will, wurde mir sofort klar. Das schlimmste immer zuerst. Das stattliche dreistöckige Gebäude übersäht mit Einschlaglöchern von Maschinengewehren trägt ein Schild: „Golan Hospital – Destructed by the Zionists and changed it to firing Target“. Auch drinnen überall die bleiernen Kratzspuren zwischen den Trümmern. Auf dem Dach überblickt man das umliegende Gebiet: Das benachbarte österreichische UN-Camp, auf dem nächsten Hügel eine riesige israelische Kommunikationsstation und dazwischen das graue Bild der Zerstörung. Militärisch sei der Golan nicht einzunehmen, meint mein Offizier. Syrien hält eisern an ihren Foderungen zur Rückgabe der Golanhöhen fest, Israel scheint da mit ihrer Ansiedelungsstrategie ganz anderer Meinung zu sein. Wir fahren an der zerstörten Moschee, zur zerstörten Kirche, halten kurz beim Propaganda Hobby-Museum der „Fatah“ Jugend, bis wir beim letzten UN-Checkpoint auf syrischer Seite ankommen. Hinter Barriere und Stacheldraht liegt 200 Meter Pufferzone und dann tanzt ein blauer Davidsstern auf weissem Hintergrund im Wind. Ein UN-Lastwagenconvoi bringt gerade das Gerüst für einen Beobachtungsturm nach Quneitra und ein Nissan Landcruiser drei kroatische Offiziere von unserer Seite nach Israel.

Auf dem Rückweg zwischen zerschossenen Marktständen und abgebrochenen Häusern höre ich die ersten englischen Worte aus dem Munde meines Offiziers. Grinsend fragt er: „Quneitra Beautiful?“ Da ich ihm auf arabisch nicht zu verstehen geben kann, dass ich Zürisee und Jochpass bevorzuge, drücke ich ihm mit einem „Al Salam Al Eikum“ 100 Pfund in die Hand und steige aus. Im Kopf habe ich nach wie vor die Worte von Mark Twain aus „The Innocents Abroad“. (siehe Ankunft in Damaskus) Hinter mir sehe ich bei den letzten Ruinen einige Schafe und füge den Worten still hinzu: „… and even when she dies, there still will be sheeps grazing upon her – with them, there will be new live.“

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Auf dem Golan Hospital in Quneitra mit UN Camp im Hintergrund

~ von toebbi am August 2, 2008.

Eine Antwort to “Ausflug nach Quneitra”

  1. Deine Schilderungen sind so plastisch, dass ich den Eindruck hatte selbst an dieser Reise nach Quneitra teilgenommen zu haben.
    Es ist toll auf diese Weise an deinen Erfahrungen und Erlebnissen teilhaben zu können.

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